Jocelyn Robert (CA)
Stalking-Projekt und Klangspaziergang | 2007

Das Projekt The Politics of Geometry, das für urban interface | berlin entwickelt wurde, besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil ist eine formelle Kontaktaufnahme des Künstlers zu den Bewohnern bestimmter Orte im Ausstellungsgebiet. Der zweite Teil ist ein Klangspaziergang entlang der Ackerstraße, die eine von Süden nach Norden verlaufende Achse in diesem Gebiet ist. Beide Teile sind zugänglich und dokumentiert auf der Projektwebsite.

Der erste Teil des Projektes trägt den Titel Blind Lines und ist eigentlich ein „Stalking-Projekt“. (Unter Stalking versteht man das krankhafte Verfolgen von Menschen, insbesondere Medienstars.) Blind Lines (Blinde Linien) referiert auf die Gefahr von blinden, inhumanen Entscheidungen in der Politik. Die Verabschiedung neuer Steuergesetze, die Platzierung einer Müllkippe, einer U-Bahnstation oder einer neuen Autobahntrasse werden ungeachtet der menschlichen Gefühle der Betroffenen durchgesetzt. Das Gleiche gilt für den Krieg. Eines der bekanntesten Beispiele solcher Entscheidungen ist die Berliner Mauer, die Menschen von ihrer Arbeitsstätte abschnitt, Familien teilte, und in einigen Fällen den Vordereingang von Häusern verschloss. Und dies der Geometrie zuliebe, nach der die Welt in Zukunft funktionieren sollte.
Zwar fiel die Mauer 1989, doch die Politik der Geometrie ist als Prinzip immer noch weit verbreitet; und man kann oder sollte jederzeit damit rechnen wie die Protagonisten in einigen von Milan Kunderas Erzählungen, dass eben seine Nummer in der großen Lotterie der politischen Entscheidungen gezogen wird.
Für Blind Lines sind aus einem gewöhnlichen Stadtplan fünf Orte ausgesucht worden, die zufällig genau dort liegen, wo sich die Linien des darüber liegenden Planrasters treffen. Diese Orte wählte Robert aus und recherchierte die Namen ihrer Bewohner. An die Bewohner verschickt der Künstler nun Postkarten, die sie darüber informieren und davor warnen, dass sie – mit oder ohne ihre Zustimmung – für ein Kunstprojekt ausgesucht wurden und dass ihre Namen damit öffentlich sind. Natürlich waren sie das auch schon vorher, denn Namen gehören zu den öffentlichen Aspekten unseres Lebens. Und warten darauf, ausgewählt zu werden.

Der zweite Teil des Projektes ist ein Klangspaziergang, der in einer anderen Weise mit Geometrie spielt. Als 1961 die Berliner Mauer gebaut wurde, stand an der Bernauer Straße die Versöhnungskirche. Den Planern, die einen gradlinigen, geometrischen Verlauf der Mauer vorgesehen hatten, stand die Kirche mitten im Weg. Man ging einen Kompromiss ein und baute die Mauer in einem kleinen Bogen um die Kirche. Später war dies nicht mehr tolerabel und die Kirche wurde zerstört: Geometrie hat ihre Regeln, die zu befolgen sind. 1985, aus heutiger Sicht kurz vor dem Fall der Mauer, wurde die Kirche gesprengt, die Glocken wurden vorher jedoch demontiert und aufbewahrt. Die alten Glocken sind heute wieder an der Stelle zu hören und bilden eine eigene zeitliche Geometrie.
Dieser zweite Teil trägt den Titel The Bells of the Church of Reconciliation (Die Glocken der Versönungskirche). Es ist ein ca. 30-minütiger Klangspaziergang entlang der Ackerstraße, von der Torstraße im Süden bis hoch zur markanten Eisenbrücke im Norden der Ackerstraße, Ecke Scheringstraße.

Foto: Daniela Friebel
Model: Anne Greuling

Orte
Blind Lines: Chausseestr. 52 A/52 B, Borsigstr. 14, Grenzstr. 5, Wattstr. 17/18 A, Bernauer Str. 111, Startpunkt The Bells of the Church of Reconciliation: Ackerstraße Ecke Torstraße

Zeit
vom 15. April bis 6. Mai 2007
Die Sounddateien für den Spaziergang können als mp3s auf der The Politics of Geometry Website heruntergeladen werden. In der uib zentrale liegen zudem zwei iPods mit diesen Soundfiles zur Ausleihe gegen Vorlage eines gültigen Personalausweises, der Telefonnummer und 30 EUR Pfand bereit.

Jocelyn Robert (CA)
In den letzten zwanzig Jahren war Jocelyn Robert in den Bereichen Klangkunst, digitale Kunst, Installation, Video und als Autor künstlerisch tätig. Ca. fünfzehn CDs mit größeren Soloarbeiten wurden bisher veröffentlicht, an weiteren zwanzig war er beteiligt und hat mit anderen Künstlern kooperiert. Seine installativen Arbeiten und Videos sind in Kanada, den Vereinigten Staaten, Chile, Europa und Australien ausgestellt worden. 1993 gründete er Avatar, eine Zentrum für Klangkunst und elektronische Künste in Québec City, Kanada, wo er lebt.
www.lenomdelachose.org/jrobert

Mit freundlicher Unterstützung vom Conseil des Arts et des Lettres du Québec und dem Kulturbüro von Québec in Berlin.

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